Es gibt kaum einen Ausrüstungsgegenstand an Bord, der so unmittelbar Leben rettet wie eine gut gewartete und korrekt getragene Rettungsweste. Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Eigenschaften.
Thorsten Höge
Die wichtigste Aufgabe einer Rettungsweste ist es, eine über Bord gegangene Person – auch im bewusstlosen Zustand – in eine stabile Rückenlage zu bringen. Bis diese Drehung erfolgt, muss die Weste zumindest dafür sorgen, dass Mund und Nase über Wasser bleiben, selbst wenn die Person mit dem Gesicht nach unten treibt. Gleichzeitig hält die Weste den Körper über Wasser und erspart damit kräftezehrende Schwimmbewegungen.
Doch damit sie all das leisten kann, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Besonders bei Seegang ist die Weste nur dann wirklich wirksam, wenn sie mit einem Schrittgurt und einer Spraycap kombiniert ist. Der Schrittgurt verhindert, dass die Weste hochrutscht – das ist besonders wichtig, wenn man kopfüber ins Wasser fällt. Die Spraycap wiederum schützt vor dem Einatmen von Gischt und verzögert die Unterkühlung drastisch – bis hin zum Faktor zwanzig.
Eine Weste, die im tiefsten Winkel der Backskiste liegt, seit 15 Jahren nicht gewartet wurde und weder über Schrittgurt noch Spraycap verfügt, ist im Notfall nur noch wertloser Ballast. Wer auf Sicherheit setzt, trägt die Weste – und kennt ihre Funktionsweise. Denn zur sicheren Nutzung gehört auch die regelmäßige Kontrolle und Wartung, angepasst an Typ und Alter der Weste.
Nicht zuletzt sollte jeder an Bord den Umgang mit Rettungsmitteln beherrschen. Es reicht nicht, den Stauraum zu kennen – jeder sollte die Weste anlegen, prüfen und bei Bedarf auslösen können. Sicherheit ist keine Privatsache, sondern Teamverantwortung.
Feststoff oder aufblasbar? So wählst du die richtige Rettungsweste
Die Auswahl der passenden Rettungsweste ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Sie hängt nicht nur vom Revier und Bootstyp ab, sondern auch von Faktoren wie Körpergewicht, Beweglichkeit, persönlichem Komfort – und nicht zuletzt vom Sicherheitsanspruch.
Feststoffwesten bestehen aus einem festen Schaumstoffkern, der dauerhaft Auftrieb bietet. Sie sind vergleichsweise günstig, robust und wartungsarm. Eine regelmäßige Sichtprüfung auf Risse, defekte Gurte oder lose Beschläge reicht in der Regel aus. Ihre Lebensdauer liegt bei maximal zehn Jahren – auch bei sachgemäßer Lagerung. Dennoch haben Feststoffwesten Grenzen: Sie bieten häufig nur bis zu 100 Newton Auftrieb und sind damit auf Binnengewässer oder Küstennähe beschränkt. Die Rückendrehung ist nicht garantiert.
Aufblasbare Rettungswesten sind heute der Standard auf See. Sie zeichnen sich durch hohen Tragekomfort, geringes Gewicht und starken Auftrieb aus. Der Auftriebskörper wird bei Kontakt mit Wasser automatisch oder manuell ausgelöst – zur Not kann auch per Mundventil nachgeholfen werden. Die meisten Modelle bieten 150 oder sogar 275 Newton Auftrieb und sind damit auch bei schwerer Kleidung und auf Hochsee ohnmachtssicher.
Wichtig zu wissen: Aufblasbare Westen müssen alle zwei Jahre von einer autorisierten Wartungsstation geprüft werden. Trotz regelmäßiger Wartung ist nach zehn Jahren Schluss.
Welche Weste passt zu dir?
100 Newton: Für Binnenreviere, leichtes Ölzeug, eingeschränkt ohnmachtssicher
150 Newton: Für Küste und offene See, geeignet für wetterfestes Ölzeug
275 Newton: Für Hochsee, Schwerwetter und Schutzkleidung, maximale Sicherheit
Unser Tipp: Probiere die Weste vor dem Kauf unbedingt an. Wenn sie zwickt, drückt oder nicht richtig sitzt, bleibt sie im Ernstfall ungenutzt. Sicherheit beginnt mit Komfort – und guter Beratung.
Mehr Sicherheit an Bord – Mit dem richtigen Rettungswesten-Zubehör
Eine Rettungsweste ist ein Lebensretter. Doch ihre Schutzwirkung lässt sich mit passendem Zubehör noch erheblich steigern. Wer sich wirklich sicher fühlen will, sollte beim Kauf und Nachrüsten auf folgende Extras achten:
1. Schrittgurt
Dieser unscheinbare Gurt verhindert, dass man bei einem Sturz ins Wasser aus der Weste herausrutscht. Ohne Schrittgurt kann es passieren, dass man nach unten durch die geöffnete Weste schlüpft – lebensgefährlich! Viele Modelle lassen sich nachrüsten, bei hochwertigen Westen ist der Schrittgurt bereits Standard.
2. Lifeline (Harness)
Mit der Sicherungsleine kann man sich an festen Punkten an Bord einpicken und sich damit gegen das Über-Bord-Gehen absichern. Gerade bei Starkwind oder Nachtfahrten ist sie unverzichtbar. Wichtig: Die Weste muss eine stabile Befestigungsmöglichkeit dafür bieten.
3. Spraycap
Diese zeltartige Haube schützt Mund und Nase vor Gischt und Wasser. Ohne sie kann es trotz aufrechter Haltung zum Ertrinken kommen. Nicht jede Weste kann nachgerüstet werden – also beim Kauf darauf achten!
4. Seenotlicht
Im Dunkeln sichtbar zu bleiben, kann über Leben und Tod entscheiden. Ein Seenotlicht leuchtet viele Stunden lang und kann in den meisten Fällen problemlos nachgerüstet werden.
Normen und CE-Kennzeichnung
Seit 2007 gilt die EU-Norm DIN EN ISO 12402. Sie ersetzt frühere Normen und ist Voraussetzung für die CE-Kennzeichnung. Diese Norm unterteilt sich u.a. in:
Teil 2: 275 Newton
Teil 3: 150 Newton
Teil 4: 100 Newton
Teil 5: 50 Newton Schwimmhilfen (nicht ohnmachtssicher!)
Fazit:
Nicht jede Weste ist für jedes Revier und jede Wetterlage geeignet. Aber jede Weste kann mit dem richtigen Zubehör zur echten Lebensversicherung werden. Lass dich beraten, investiere in Qualität und überprüfe regelmäßig deine Ausrüstung – denn auf See gibt es keine zweite Chance.