Joachim Heße berichtet aus seinen Erfahrungen für einen optimalen Ablauf eines erfolgversprechenden Mensch-über-Bord-Manöver
Keine Angst, es geht nicht um die zehnte todsichere Version eines Bojemanövers unter Segeln! Kein Manöver unter Segeln kann Sie mit Ihrem Boot im ersten Anlauf für wenige Sekunden in die Nähe eines Überbordgefallenen bringen, so dass die Voraussetzungen für eine Bergung gegeben sind. Vor einigen Jahren habe ich in der Karibik auf einer X 482 mit einer hochqualifizierten Crew von 8 C-Schein-Inhabern und Sporthochseeschiffern ein Bojemanöver unter Segeln versucht. Bei Bft 7 und einer Welle von lediglich 4 m Höhe löste sich unsere Markierungsboje und fiel in die See. Nach vier Anläufen und 24 Minuten hatten wir sie endlich wieder an Bord! Das Heck donnerte beim Aufschießer wie ein Dampfhammer in die See und hätte jeden dort befindlichen Schwimmer erschlagen. Die Auslaufstrecke beim Aufschießer lag unkalkulierbar je nach Wellenbild zwischen einer und drei Bootslängen, der Grund warum wir vier Anläufe benötigten. Schlagende Segel, der hochbewegliche Baum und schlagende Schoten stellen ein hohes Verletzungsrisiko dar. Um das auszuschalten und um das Boot exakt manövrieren zu können, müssen die Segel geborgen und gesichert werden.
Ablauf: „Mensch über Bord!“
Rettungs- oder Markierungsboje werfen.
Überbordgefallenen optisch ständig verfolgen.
Notruf aussenden.
Maschine starten
Segel bergen und sichern.
Zum Unfallort laufen
Aufstoppen
Rettungsgeschirr bereithalten
Ist der Verunglückte bei Bewusstsein und nicht unterkühlt: Wurfleine werfen und Mann an Bordwand sichern.
Fall oder Rettungstalje anschlagen
Verunglückten seitlich über die Bordwand an Deck winschen.
Erste Hilfe
Notfall beenden oder dezidiert Hilfe anfordern.
Reise fortsetzen.
Ist der Verunglückte bewusstlos und oder unterkühlt: Körper mit Peekhaken an der Bordwand sichern
Helfer angeleint ins Wasser gehen lassen.
Rettungssegel oder Rettungsnetz klarieren
Verunglückten vom Wasser aus in Segel oder Netz bugsieren
Horizontal aufwinschen und an Deck lagern
2. Mann abbergen > Danach: Siehe oben.
Ein Überbordgefallener kann nach 3-5 min im kalten Wasser nur noch wenig zu seiner Rettung beitragen. Das Schiff muss also exakt neben ihm zum Stehen kommen. In Sekundenschnelle muss er an der Bordwand gesichert werden, da das Boot sofort wieder Fahrt aufnimmt. Danach beginnt der schwierigste Akt: Das Abbergen des Verunglückten über Bordwand und Seereling. Es soll möglichst horizontal erfolgen.
Der Verunglückte wiegt etwa 40 – 50 kg mehr als im trockenen Zustand. Notwendig wird eine 8 – 10 fach geschorene Talje am Außenwant sein. Eventuell kann man von Deck aus einen Bojenhaken in den Lifebeltring der Rettungsweste oder die Bergungsschlinge schlagen und den Verunfallten mit der Talje an Deck hieven. Sonst bietet sich nur ein Rettungssegel oder eine Rettungsleiter an, mit der man den Überbordgefallenen die Bordwand hochrollt. Ist die Bordwand hoch und der Überbordgefallene bewusstlos, muss ein gesichertes Crewmitglied in das Wasser und den Ertrinkenden in Segel oder Rettungsleiter einschwimmen oder Rettungsgurt oder RLS (Rettungsschlinge für Achsel und Kniekehle) anlegen. Erst dann können beide geborgen werden.